An sich selbst zerbrochen

Oskar Werner imitiert Hans Moser. Oskar Werner spricht über sich, die Eitelkeit, die Kollegen, den faszinierenden Wahnsinn des Theaters, über Selbstmordgedanken und über Scheißrollen . Oskar Werner redet auch über Übersinnliches - und mit dem Wolferl Mozart. Sensationelle Aufnahmen eines Genies, das keines sein wollte, bewahrt der Filmemacher Mathias Praml auf: einen noch nie hergezeigten Dreieinhalb-Stunden-Film über Oskar Werner, der heuer 70 wäre. Bei den Filmtagen in Wels wird Praml einen kleinen Ausschnitt aus seiner außergewöhnlichen Dokumentation präsentieren. Dem KURIER zeigte er exklusiv das gesamte Material .

1984. Ein heißer Augusttag. Das Telefon läutet bei Filmproduzent Mathias Praml in Wien. Am anderen Ende der Leitung ist Oskar Werner: Alter, pack deine Kamera , sagt er, komm zu mir, ich erzähl dir mein Leben. Zusatz: Schau, daß d ein bissel was verdienst dran, wenn i dann nimmer bin. Drei Monate später ist Oskar Werner nimmer . Herzinfarkt. Kurz und bündig - wie s sein Wunsch war. Er wollte dem alten Freund Mathias Praml sein Leben hinterlassen . Aber der mochte dann nichts verdienen an dem Film, dieser Lebensbeichte des vergötterten Oskar Werner, der in seinen späten Tagen zu einer geheimnisvoll-tragischen Figur geworden war. Der auf seinem ungewöhnlichen Karriereweg zwischen Bassena- Haus in der Wiener Vorstadt und Luxus- Bungalow in Los Angeles, zwischen höchster künstlerischer Vollendung und tiefster Depression irgendwo an sich selbst zerbrochen war . . .

Mathias Praml also packt die Kamera und fährt zu seinem Freund in die Wohnung in der Fuhrmannsgasse. - Oskar Werner macht auf. Nur leiser Zungenschlag; Stoppelbart, zerstrubbelte Haare, wie immer den Tschick in der Hand. Entweder du nimmst mich so oder gar net , weist er mögliche Hinweise auf äußerliche Korrekturen von vornherein ab. Praml nimmt ihn so . Oskar Werner zündet eine Kerze an, läßt Zithermusik aus dem Tonturm rieseln, legt ein Zigarettenpackel vor sich hin; schaut, daß ein Achterl vom Weißen in Griffweite steht, beginnt zu erzählen. Oft im tiefsten Wiener Dialekt, dann wieder in seinem berühmt nasalen Bühnendeutsch. Und wenn er Faust zitiert oder Rilke, bleibt dem Zuschauer der Atem stehen. Man kämpft gegen die Tränen und beginnt zu grübeln, was es sein könnte, das diese Sorte von Frühvollendeten zu so was Besonderem macht. Da ist noch immer der Zauber, mit dem er sein Publikum erobert hat, das Unverwechselbare. Vergessen der Stoppelbart, das billig gefärbte Haar und die von zu vielen Achteln zu weich gewordenen Gesichtskonturen. Was Oskar Werner da selbstkritisch, ironisch, lustig, gerührt oder bitter erzählt, ist Geschichte und Theatergeschichte: Er redet vom Arbeitsdienst, der für ihn ein KZ, in dem ich dem Selbstmord nahe war. Von Regisseuren, die fast alle kein G spür für Menschen haben; von seiner Begegnung mit Heinrich Himmler, diesem Kerl, der sechs Millionen Juden totgemacht, aber himmlisch Bach gespielt hat . Dazwischen immer ein kleiner Schluck, eine Zigarette, die Frage an Praml: Was willst noch hören? Antwort stereotyp alles.
Werner besorgt: Verkauf s net an den Marabu, der zahlt nix. Praml verkauft s an den Marabu wie Oskar Werner den Ernst Wolfram Marboe, immer genannt hat, eh nicht. Oskar Werner erzählt weiter. Von Werner Krauß und Raoul Aslan, der sein Trauzeuge war; von Gustav Waldow, mit dem er so gern Theater gespielt und in der Garderobe mindestens einen Doppler gezwitschert hat. Und von Hans Moser, wie der ins Burgtheater gegangen ist, um sich den blutigen Anfänger , das Wunderkind Oskar Werner, anzusehen. Und wie er ihn dann später, schon als großen Star, wiedergetroffen und zunächst nicht erkannt, ihn aber dann mit einem Freuden-Luftsprung begrüßt hat . . . und da sitzt auf einmal nicht mehr Oskar Werner vor Pramls Kamera, sondern der nuschelnde Moser mit hilflosen Handbewegungen - in seiner rührenden, schusseligen Verzagtheit. Nur ganz wenige können den Moser imitieren. Aber Oskar Werner ist für einen Augenblick Hans Moser. Spricht dann weiter. Über die Frauen, die für ihn die besseren Menschen sind. Über Theater, Musik, Kinder. Über sich selbst. Ein Genie - das will er nicht sein. Nur einer, der ein bissel sensi bler als andere ist. Und daher auch Dinge erlebt hat, die für andere unverständlich sind.

Ich glaub an magische Dinge , sagt er zu den Filmleuten, ich glaub an die Parapsychologie. Oskar Werner erzählt seine außergewöhnlichste Geschichte: Ich schwör s beim Leben meiner Kinder, ich sag die Wahrheit und nichts als die Wahrheit: Es war bei Dreharbeiten zum Mozart- Film, der für ihn nichts als Kitsch war. Mozarts Geburtshaus. Ein Gewitter, der Strom fällt aus. Alle Filmleute rennen hinaus. Oskar Werner bleibt allein. Geht an die Stelle, wo Mozarts Wiege gestanden sein soll. Werner, im Originalton: Ich hab gredet mit ihm. Hab gesagt, Wolferl, ich weiß eh, des is ein Scheißfilm. Aber was kann deiner herrlichen Musik, was kann dir schon passieren? Gib mir ein Zeichen, wenn du mir verzeihst . . . da hat die Türglocke geläutet; aber keiner war draußen. Und ich hab weitergredet mit dem Mozart. Wieder läutets - wieder keiner da. So ein Glück - der Wolferl hat mi verstanden. Ob sich der Marabu nicht doch den Film anschauen sollte?


30.05.1993