Oskar Werner Bonaparte
Im Tod wird der exzentrische Schauspieler wie ein Popstar verehrt

von Marc Hairapetian

Was wäre das für ein Film geworden: Oskar Werner als "Napoleon", Stanley Kubrick als Regisseur des Historiendramas! Dieser Cineasten-Wunschtraum war Ende der 60er Jahre zum Greifen nahe. Das enthüllt ein Briefwechsel zwischen den beiden kompromißlos-perfektionistischen Genies, den der in Kalifornien als angehender Filmemacher lebende Werner-Sohn Felix Florian (er assistierte beim "Lolita"-Remake) im Nachlaß seines Vaters fand - ein Paradeobjekt für den wachsenden Kult um den Schauspieler, der morgen 75 geworden wäre. Auch 13 Jahre nach seinem Tod verehren zahlreiche Anhänger den charismatischen Wiener mit einer Hartnäckigkeit, die sonst nur Popstars zuteil wird.
"Napoleon" kam wegen finanzieller Engpässe nicht zustande. Kubrick drehte dann "Uhrwerk Orange", das Werner aufgrund seiner expliziten Gewaltdarstellung für problematisch hielt. So kam eine Zusammenarbeit beim nächsten Kubrick "Barry Lyndon" für den unbestechlichen Akteur, der über 300 Rollenangebote als "Verrat am künstlerischen Geschmack" ablehnte, nicht mehr in Frage.

Sein introvertierter Charme und die unverwechselbar nuancenreiche Sprachmelodik fesseln heute wieder eine junge Generation. Bereits zu Lebzeiten auf der Bühne und im internationalen Film ("Entscheidung vor Morgengrauen", "Jules und Jim", "Das Narrenschiff") eine Legende, hat in den 80er und 90er Jahren in Österreich und Deutschland eine regelrechte Werner-Renaissance eingesetzt. Lesungen klassischer Dichtkunst wie die CDs "Wahrheit und Vermächtnis" und "Oskar Werner liest Rilke" (beide GIG-Records) entwickelten sich heimlich zum Verkaufsrenner.
Vier Bücher sind bereits über Werner geschrieben worden, die sich allesamt mit seinem kometenhaften Aufstieg und den parallel verlaufenden selbstzerstörerischen Zügen seines Wesens beschäftigen. Weitere Biographien sind in Arbeit. Bei allen Qualitäten hat bisher keine die tatsächliche Ursache für seine manische Depressivität erforscht: Der überzeugte Antimilitarist, der in den letzten Kriegstagen als fahnenflüchtiger Soldat galt, war bei einem Bombenangriff drei Tage lebendig unter Trümmern verschüttet, was ein Trauma auslöste. Das weiß seine letzte Lebensgefährtin, die Schauspielerin Antje Weisgerber, zu berichten.

Der Mythos Oskar Werner ist auch in zahlreichen Ausstellungen beleuchtet worden. Die wohl schönste wurde von der Max-Reinhardt-Stiftung 1993 in Salzburg, gezeigt. Neben Rollen- und Privatfotos gehörten auch die Auszeichnungen (u.a. die Oscar-Nominierung für "Das Narrenschiff" und der Golden Globe für "Der Spion, der aus der Kälte kam"), Originalkostüme und Briefwechsel zur Sammlung. In einem Telegramm bezeichnet Spencer Tracy Werner als "den größten Schauspieler überhaupt".
Eine Auflistung der abgelehnten Filmrollen ist ebenfalls enthalten, Viscontis "Ludwig II" gehört dazu. Einen sympathischen Nazi-Offizier wollte Werner trotz dreifacher Gagenerhöhung auch nicht für seinen Freund, den Regisseur Stanley Kramer, in "Das Geheimnis von Santa Vittoria" spielen. Die Begründung: "Wer gut und intelligent ist, kann kein Nazi sein."
Noch wichtiger ist, daß in den letzten Jahren verschollen geglaubtes Bild- und Tonmaterial ans Licht der Öffentlichkeit gekommen ist. Auf der diesjährigen "documenta" erregte die Oskar-Werner-Installation von Hans-Jürgen Syberberg Aufsehen. Bei einer Heidelberger Bekannten hatte der Regisseur die Aufzeichnung des "Prinzen von Homburg", den letzten Theaterauftritt des alkoholkranken Stars aufgetrieben. Auf riesigen Videowänden konnte man allerdings erleben, daß Werner 1983 beim Wachau-Festival mit geradezu heiliger Nüchternheit spielte. Des weiteren waren Tonbandaufnahmen eines nicht realisierten "Faustprojektes" und die heiter-melancholischen "Wiener Lieder" des österreichischen Künstlers zu hören. Während das Museum "Hamburger Bahnhof" in der Berliner Invalidenstraße nach einem einwöchigen "Gastspiel" ab 1998 Syberbergs "Cave of Memory" als Dauerausstellung übernehmen will, sind in Wien Tonmitschnitte des "Jahrhundert-Don-Carlos" aufgetaucht (Titelrolle: Oskar Werner, König Philipp II.: Werner Krauß), der 1955 bei der Wiedereröffnung des Burgtheaters gegeben wurde.
Eine besondere Ehrung wird dem sensiblen Darsteller jetzt durch Österreich zuteil: Auf einer Sieben-Schilling-Briefmarke blickt einem sein Antlitz entgegen - allerdings arg verzeichnet.

12.11.1997